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>>> Aus der Wissenschaft

   
 

Zusammenbruch, Umbruch, Aufbruch

   
 

Aus Eva Karls Arbeit zum Thema ihrer Dissertation

   
 

Die Doktorandin Eva Karl hat in Dinkelsbühl zum Thema ihrer Dissertation drei Vorträge im Haus der Geschichte und beim Evangelischen Bildungswerk gehalten und eine Ausstellung konzipiert. Wir baten sie, für Funkfeuer einen Einblick in ihre Forschungsarbeit zu geben.

Grabe, wo du stehst! So forderte es der Schwede Sven Linquist Ende der 70er Jahre, der Teil einer Bewegung war, welche die traditionellen Geschichtswissenschaften herausforderte. Eine Geschichte von unten sollte danach das Versäumnis der Historiografie ausgleichen, die in einer Fixierung auf die großen Strukturen der Geschichte sowie deren bekannte Protagonisten den kleinen Mann und seinen Alltag übersehen hatten. Im Zuge dieser Entwicklung erwuchs auch in Deutschland in den späten 80er Jahren die sogenannte Alltagsgeschichte, die sich kleine Lebenswelten in ihren Mittelpunkt nimmt und zu fragen sucht, wie eine Mikroebene die großen Prozesse der Makroebene überhaupt wahrnahm. Angeregt von alltags- und erfahrungsgeschichtlichen Fragestellungen formierte sich schließlich auch die Grundlage und Herangehensweise an meine Dissertation „Zusammenbruch, Umbruch, Aufbruch. Ländliche Bevölkerung zwischen Ende und Anfang. Stadt und Landkreis Dinkelsbühl 1943 bis 1948“ sowie die gleichnamige Ausstellung im Haus der Geschichte Dinkelsbühl.

Erste Begegnung mit dem Thema
Schon in der Schulzeit hatte ich in der Facharbeit für das Abitur das Kriegsende in Dinkelsbühl sowie den Streit der beiden Beteiligten Dr. Fritz Schmidt und August Landenberger zur Rettung der Stadt zum Thema gewählt. Hierbei traf ich zum ersten Mal auf das erstaunliche Fehlen an Informationen zu der Geschichte der Stadt und des Altlandkreises Dinkelsbühl im 20. Jahrhundert. Gleichzeitig fand ich, abgesehen von den Zeitzeugen, die mir damals Interviews gegeben hatten, auch eine spürbare Abwehrhaltung vor sowie einen deutlichen Wunsch, Vergangenes ruhen zu lassen. Viel Wissenswertes und viele Fragen blieben damals noch unbeantwortet. Erst seit dem Erscheinen der Dissertation von Thomas Greif über die Frankentage kam Licht in dieses Dunkel, und die besondere Rolle, die der Hesselberg und das gesamte protestantisch-ländliche Westmittelfranken in der Frühphase der nationalsozialistischen Herrschaft gespielt hatten, wurde augenscheinlich. Viele Schüler sind bis dahin, 40 Jahre nach dem Ende des Krieges, noch von der Schule gegangen, ohne etwas über das Dritte Reich in der eigenen Heimat hören zu können. Zum Verständnis des Nationalsozialismus in seinem vollen Umfang kann aber gerade sein Eindringen auf dieser Ebene eine essentielle Erkenntnis darstellen.

Ein „weißer Fleck“ für eine Dissertation
Bei der Wahl eines Dissertationsthemas ging mein Interesse erneut zum Ende des Krieges und der Frage, wie sich das evangelisch-agrarische Milieu in Franken ausgehend von der Brückenfunktion, die es für die NSDAP gehabt hatte, am Ende der nationalsozialistischen Herrschaft und deren Überwindung im Zusammenbruch verhielt. In gemeinsamer Überlegung mit meinem Doktorvater Prof. Dr. Wolfgang Altgeld stellten sich dafür der Landkreis Dinkelsbühl und der weiße Fleck, den er auf der historischen Landkarte hinterlassen hatte, als ein geeignetes Untersuchungsobjekt dar. Die zusammenhängende Transformationsphase, die mit der Schlacht von Stalingrad zum Jahresbeginn 1943 einsetzte und deren Ende mit der Währungsreform im Juni 1948 eingeläutet wurde, sollte dabei über die Zäsur des Kriegsendes hinaus im Mittelpunkt stehen.

Die Idee einer Ausstellung
Das Quellenmaterial erwies sich im Laufe der Recherchearbeiten vor allem im Staatsarchiv in Nürnberg als so ausreichend und umfangreich, dass sich ein dichtes Bild vom Leben im Zusammenbruch entwerfen ließ. Dabei entstand schließlich die Idee, das Gefundene nicht nur als theoretische Abhandlung, sondern ganz konkret in Form einer Ausstellung einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dass sich die Stadt Dinkelsbühl und das Haus der Geschichte sofort bereit erklärten, dieses Projekt zu unterstützen und anhand meiner wissenschaftlichen Grundlage gemeinsam eine Ausstellung zu gestalten, war keine Selbstverständlichkeit und machte die Durchführung dieser Idee erst möglich. Die Aktualität und Relevanz der Thematik von Flucht und Vertreibung war damals noch gar nicht zu erahnen.
Ohne ein einziges Exponat begannen wir die Arbeit, und durch mehrere Aufrufe in der Presse meldeten sich schließlich immer mehr Menschen, die Erinnerungsstücke zur Verfügung stellen konnten und Geschichten mitzuteilen hatten. Die Auswahl der Exponate folgte nach dem Vorhaben, die Eindringtiefe des Nationalsozialismus, beispielsweise durch einen germanisch überformten Weihnachtskalender und Schulhefte darzustellen oder den ganz persönlichen Schrecken des Kriegs durch Einzelschicksale und persönliche Briefe von der Front zu zeigen. Auch Alltagsgegenstände, wie das Haushaltsbuch einer Flüchtlingsfamilie, selbstgemalte Kinderbücher oder selbst ein Stück Kernseife sollten die Not und den Mangel der ersten Nachkriegsjahre greifbar machen. Erneut war der zeitliche Rahmen der Arbeit mit einem Blick auf vor und nach dem Kriegsende ein entscheidender Faktor. Eine Ausstellung über die Not und den Hunger der Nachkriegszeit vergisst schnell den Ursprung allen Übels. Geschichten über plündernde und mordende Displaced Persons brauchen eine genaue Betrachtung der Umstände des Lebens von Zwangsarbeitern im Krieg. Die Wahrnehmung des Umbruchs am Kriegsende kann ohne eine Darstellung der Begeisterung zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes, aber auch der Erfahrungen im Krieg nicht verstanden werden.

Bedenken und Interesse
Im Vorfeld der Vernissage war abermals wahrnehmbar, dass bei einigen Bedenken laut wurden, welche alten Geschichten aufgerollt werden würden. Manche meinten, es sei auch nach 70 Jahren noch zu früh, auf der lokalen Ebene über diese Dinge zu sprechen und mir wurde prophezeit, dass Streit, ja sogar Krieg in der Stadt ausbrechen werde. Im Zentrum der Ausstellung sollte aber gerade nicht eine nachträgliche Schuldzuweisung oder ein erhobener moralischer Zeigefinger einer nachfolgenden Generation stehen. Es ging nicht um die Diffamierung von Einzelpersonen, sondern vielmehr darum, die Verführbarkeit und Totalität, aber auch die Verwurzelung des nationalsozialistischen Regimes in der Gesellschaft zu zeigen. Deutlich werden sollte zudem die enorme Herausforderung des Umbruchs. Dieser hinterließ auch in einer Gegend wie dem Landkreis Dinkelsbühl, die im Vergleich zu vielen Großstädten nur wenig sichtbare Schäden aufzuweisen hatte und für viele wie ein heiles Idyll im zerstörten Nachkriegsdeutschland wirkte, eine zerrissene Gesellschaft, die sich neu positionieren und zusammenfinden musste. Gleichzeitig standen der dabei stattfindende erzwungene Wandel sowie die diesem inhärenten Möglichkeiten und Chancen im Mittelpunkt, die zwar von den Zeitgenossen oftmals noch nicht in diesem Sinne wahrgenommen wurden, sich aber durchaus als solche erwiesen.
Tatsächlich begegnete ich im Zusammenhang der Ausstellung dann aber einem enormen Interesse an der Thematik, einer großen Bereitschaft sich auch auf unbequeme Wahrheiten einzulassen und auch einem spürbaren Gesprächsbedürfnis über eine oftmals totgeschwiegene Zeit. Viele Menschen sind auch jetzt auf mich zugekommen und haben mir ihre bewegenden Geschichten erzählt. Manche Erinnerungen kamen hoch, die oft unausgesprochen jahrelang in einer Ecke des Gedächtnisses geschlummert hatten. Die Zeit des Zusammenbruchs und Umbruchs erwies sich zurecht als Phase polarisierter Erfahrungen. Das Zusammenleben mit Zwangsarbeitern auf den Bauerhöfen, die Zerrissenheit vieler Familien und persönlich erfahrenes Leid wurden geschildert. Ehemalige Evakuierte und Vertriebene beschrieben, wie sie in Dinkelsbühl eine neue Heimat fanden, wie sie in der Not von Bauern Essen bekamen, wie dankbar sie waren. Andere, die als Vertriebene in den Landkreis kamen, schilderten aber auch ganz offen, wie sie auf Ablehnung stießen, die zum Teil noch Jahrzehnte nach Kriegsende spürbar war, wie schwer es sein konnte, ein Fremder auf dem Dorf und in der Kleinstadt zu sein.
Nach mehreren Jahren der Recherche und des Zusammentragens von Quellen, Fakten und Interpretationen in einer notwendigen wissenschaftlichen Distanz war es für mich persönlich unbeschreiblich wertvoll, zusätzlich die Lebenswirklichkeit zu all dem Erforschten so hautnah erfahren zu dürfen. Ich danke erneut all denjenigen, die durch ein Bereitstellen von Exponaten und Erinnerungen, aber auch durch zahlreichen Besuch der Ausstellung und des Rahmenprogramms gezeigt haben, dass es lohnenswert ist, die Geschichte nicht schweigen zu lassen. Mit den Worten Erich Kästners: „Die Vergangenheit muss reden, und wir müssen zuhören. Vorher werden wir und sie keine Ruhe finden.“


   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
von Ernst-Otto Erhard
   
 
"Eine ebenso liebevolle wie kritische Diagnose" (Charivari)
   
 
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