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Ein Stern am Küchenhimmel

   
 
 

 

Zu Gast im Wiesingerhof in Bertholdsdorf

 

 

Wissen Sie, wo Bertholdsdorf liegt? Nein? Wir wussten es auch nicht und wissen es wahrscheinlich noch immer nicht so genau, denn die Idee, zu abendlicher Stunde auf Westmittelfrankens Nebenstraßen, die zudem noch mit diversen Umleitungen gespickt waren, dorthin zu fahren, war nicht die beste. Aber: es geht auch schneller und bequemer, indem man die Autobahn in Richtung Nürnberg nimmt, sie bei Neuendettelsau verlässt und 7km später den 140-Seelen Ort, der zu Windsbach gehört, erreicht. Dann ist man in einer knappen Stunde dort .

Köchin aus Leidenschaft

Wir kamen sehr verspätet und wurden von einer strahlenden Wirtin begrüßt: " Macht nix, vorher hätt´ ich eh kei Zeit für euch g´habt!" Elisabeth Wiesinger spricht gerne und offen mit den Gästen, sicher ist auch das ein Teil ihres Erfolges. Seit einigen Jahren erntet sie Preise und Auszeichnungen. Angefangen hat es damit, dass sie von einem anonym aufgetauchten Tester zur "Chefköchin" in der Europäischen Union der Spitzenköche mit Namen "Euro-Toques" ernannt wurde. Diese Organisation wurde 1986 von Paul Bocuse und Eckart Witzigmann gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, regionale Traditionen zu wahren. Wer hier aufgenommen wird, darf nur natürliche und hochwertige Lebensmittel verwenden, muss auf Fertigprodukte oder künstliche Geschmacksstoffe verzichten. Dies ist Verpflichtung und Ehre zugleich, und Elisabeth Wiesinger nahm Kochmütze (französisch: toque) und Herausforderung nach kurzer Bedenkzeit an. Vor einigen Jahren wurde sie von dieser Organisation dann zusätzlich noch mit einem Stern belohnt.

Von der Bauernwirtschaft zum Restaurant

Wo heute beiderseits des Eingangs gemütliche Gaststuben, harmonisch mit hellen Holzmöbeln und ansprechend eingedeckten Tischen eingerichtet sind, befanden sich früher eine kleine Bauernwirtschaft und die Wohnräume der Eltern, die den dazugehörigen Hof führten. Schlachtschüssel, geräucherte Bratwurst etc., das war so das Repertoire. Tochter Elisabeth hatte da schon andere Vorstellungen. Sie hatte bereits früh Interesse an der Gastronomie gezeigt, ein eigenes Lokal war ihr Traum. Seit dem Jahr 2000 arbeitete sie daran, und obwohl sie mit ihrem erlernten Beruf der Fleischereifachverkäuferin keine eigentliche gastronomische Ausbildung genossen hat, schaffte sie es innerhalb von 5 Jahren, ein Restaurant nach ihrem Geschmack zu gestalten.

Die "Deutsche See" und der Fisch

Geholfen hat ihr dabei ganz wesentlich eine Tätigkeit, die sie bis heute im Wechsel mit der Küchenarbeit ausübt. Ihr Restaurant hat sie nur in der zweiten Wochenhälfte geöffnet, denn in der ersten arbeitet sie, vorwiegend am Telefon, für die "Deutsche See" in Bremerhaven, ein marktführendes Unternehmen für den Fischverkauf und die Fischveredelung. Beliefert werden die Gastronomie und damit auch viele Spitzen- und Sterneköche. Die Kontakte zu ihnen nutzte Wiesinger, bekam wertvolle Anregungen, Rezepte, Ratschläge, mit denen sie ihre eigene Kochkunst verbessern konnte. Und natürlich entstand dadurch eine besondere Vorliebe für das Produkt Fisch, was wir der Speisekarte sofort anmerkten, denn den vielseitigen Angeboten von Fleisch-, Geflügel-, Wild- und Lammgerichten standen in fast gleicher Anzahl Gerichte ausschließlich vom Fisch gegenüber. Und zwar nicht von irgendeinem Fisch, sondern nur das Beste vom Besten wird da offeriert! Langusten, Hummer, Austern, Seezunge, Jakobsmuscheln, um nur einiges zu nennen, fanden sich da und saisonbezogen auch etliche Karpfengerichte.

Frisch, gut und angemessen im Preis

"Essen soll Spaß machen", sagte uns Frau Wiesinger beim abschließenden Gespräch. Wir hatten ihn von Anfang an und hätten die Udo-Jürgens-Klänge aus dem Hintergrund dazu gar nicht gebraucht. Zum Auftakt bot uns die ausnehmend freundliche und sehr bemühte Bedienung einen Hausaperitif (3,90 €) an; sowohl die alkoholische als auch die Version ohne Prozente war fruchtig-frisch, sehr farbig im langstieligen Glas, den Prosecco gab es als Rosé. Weitere Aperitifwünsche (…. "was hättens denn gern...") erwiesen sich als schwierig, aber nicht gänzlich unerfüllbar: wir einigten uns schließlich auf einen trockenen Sherry. Da er nicht auf der Karte stand, durften wir zunächst eine Neuerwerbung probieren. Nachdem diese aber nicht den Erwartungen entsprach, gab es schließlich noch einen zweiten Versuch, der zwar nicht wirklich trocken war, aber rund und voll mit dem richtigen Nachgeschmack als Starter akzeptiert wurde. Auch die gewählte Vorspeise war nicht auf der Karte zu finden, wurde uns aber empfohlen. Das cremige Maronen-Kartoffelsüppchen (3,90 €) wurde mit einem Gläschen Prosecco als Beigabe serviert, originell und geschmacklich pfiffig: zuerst einen Schluck, den Rest in die Suppe kippen, dann noch die knusprigen Croûtons drüberstreuen, das schmeckte gut. Trotz der "Fischlastigkeit" der Speisekarte entschlossen wir uns bei den Hauptgerichten für Fleischiges: Die Rinderbäckchen in kräftigem Merlot geschmort, dazu Kastanien-Kartoffel-Stampf, Birnenkroketten und Blattsalat (12,90 €) waren butterzart, in feiner dunkler Soße und einem Klacks aufgespritztem Püree ansprechend auf eckigem Teller serviert, der Rest wurde in der Extraschüssel gereicht. Der Salat ist auch zu loben: frisch, obendrauf Rucola, Eichblatt, darunter Karotten-Krautsalat und ein gutes süßliches Dressing mit feinem Öl. Das Schweinefilet in Gorgonzolarahm mit Kartoffelkroketten und Blattsalat (12,90 €) war zwar eher konventionell, aber von bester Qualität: das Fleisch sehr gut, ebenso prädikatswürdig die Kroketten, die etwas fester, knuspriger ummantelt waren als üblich; beidem verlieh der Gorgonzolarahm eine genussvolle Geschmacksrichtung. Das Fasanenbrustfilet mit Wirsingrahm, Traubenfilets und Kartoffel-Kastanien-Stampf (18,90 €) mundete ebenfalls. Eine reichliche Portion, die eher an ein Wildgericht statt an Geflügel erinnerte, was dem Geschmack des Bestellers angenehm entgegenkam, zartes Fleisch mit Sauce in extra beigegebenem Kännchen, Gemüse, rustikaler "Stampf" und die halbierten weißen Trauben ohne Kerne eine wohlschmeckende und gut kombinierte Beilage. Passend zur Jahreszeit war auch das Pärchen Rehbratwürste auf frischen Rahm-Steinpilzen mit Kartoffelwürfeln, einfach gut (12,90 €). Wenn sich der Hunger allerdings in überschaubarem Rahmen bewegt, sei man gewarnt; denn was da auf großem Teller dunkelbraun über einem Hügel von Kartoffelwürfeln lag, verdiente das verharmlosende "-chen" nicht. Es waren zwei sehr ausgewachsene, bissfeste Bratwürste mit kräftigem, ausgeprägtem Reh-Wildgeschmack. Die Kartoffelwürfel erwiesen sich bei der ersten Gabel als eher harmlos gewürzt, passten aber genau zum intensiven Fleischgeschmack. In der zusätzlich gereichten Schüssel lagen dann auch noch mehr von den köstlichen, zarten Steinpilzen in Rahmsoße, gemischt mit den Kartoffelwürfeln – es harmonierte alles bestens, und alle drei Komponenten ergänzten sich hervorragend. Es stand gerade nicht auf der aktuellen Karte, aber der Wunsch danach wurde ohne Zögern erfüllt: das Schweineschnitzel. Es kam sozusagen in einer Edelversion auf den Tisch, nämlich vom Filet. Knusprig waren die vier zarten Scheiben paniert, die frischen Bratkartoffeln dazu schön rösch und mit Zwiebeln und (auf Wunsch) Knoblauch gut gewürzt, ergänzt wurde das Ganze durch den schon beschriebenen Salatteller.

Krönender Abschluss

Wie es oft so ist: eigentlich ist man ja schon satt, aber dann stellte man uns zum Dessert eine Probierportion für alle in Aussicht – wer kann da schon nein sagen! Und, wie fast erwartet, die angepriesenen ausgebackenen Apfelküchle in Pfannkuchenteig, der nicht mit Milch, sondern mit Prosecco und Weißwein hergestellt wurde, mundeten köstlich. Knusprig eingehüllte, bissfeste Apfelscheiben mit Puderzucker bestäubt, dazu eine kleine Zusatzportion säuerliches Apfelkompott – wir hätten wirklich etwas versäumt, wenn wir uns dazu nicht hätten verführen lassen. Auch der Abschluss in flüssiger Form gelang: mit Liesel´s Zwetschger aus der Nachbarschaft (2,50 €), einem mild-fruchtigen fränkischen Zwetschgenschnaps, wie er sein soll. Noch ein Wort zu den übrigen Getränken. Die Weinkarte zeigte eindeutig einen fränkischen Schwerpunkt, aber auch ein paar ausgesuchte Italiener und Franzosen waren zu finden. Sehr gut, vollmundig und weich war der versuchte Merlot Trentino. Das Hauff-Pils aus Lichtenau (0,4 l zu 2,20 €) animierte schon allein mit seinem Preis zum Weitertrinken … Fazit: ein bemerkenswertes Lokal, das durchaus die 70 km –Anreise lohnt. In der warmen Jahreszeit gibt es auch draußen vor dem Haus schöne Plätze, eine Reservierung ist aber in jedem Fall ratsam - dabei die besonderen Öffnungszeiten beachten!

Wiesingerhof, Bertholdsdorf 40, 91575 Windsbach, Tel. 09871 9287, Fax 09871 6579666, e-mail: info@elisabethwiesinger.de, www. elisabethwiesinger.de

Geöffnet: Donnerstag ab 17 Uhr, Freitag, Samstag, Sonntag durchgehend ab 11 Uhr


   
   
 
 
 
 
   
 
Von der Geschichte leben ?
 
Das Beispiel Dinkelsbühl
 
 
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